Wuxia
Wuxia (manchmal auch Wuxiá geschrieben) ist ein Genre der chinesischen Fiktion und thematisiert Abenteuer in der Welt der Kampfkunst des alten China. Traditionell war Wuxia ein Literaturzweig, doch mittlerweile findet sich Wuxia auch in Kunst, Comics, Filmen, Fernsehserien, Theaterstücken und Computerspielen wieder und ist ein wichtiger Teil chinesischer Kultur.
Enthymologie
Das Wort "Wuxia" setzt sich aus der Philosophie chinesischer Ritter,
Xia (ehrenvoll, ritterlich), und
Wu (kriegerisch, militärisch), einer Kurzform von
Wushu (Kampfkunst, Kungfu), zusammen. Ein Kämpfer, der dem Kodex Xia folgt, wird häufig als Xiake (Befolger des Xia) oder Yóuxiá (wandernder Xia) bezeichnet.
Der typischer Held einer chinesischen Wuxiageschichte dient keinem Lord, befehligt keine Armee und gehört auch nicht zur Aristokratie. Er kommt häufig aus einer der unteren sozialen Klasse des antiken China. Ein Wuxia Held ist fast immer an einen Code der Ritterlichkeit gebunden, welcher in dazu anhält Unrecht zu bekämpfen; besonders, wenn Hilflose unterdrückt werden. Er setzt sich für Rechtschaffenheit ein indem er den Unterdrucker entmachtet oder erlittenes Unheil ausgleicht. Die chinesischen Xia Traditionen weißt Ähnlichkeiten mit dem
Bushido der japanischen Samurai, dem Ehrenkodex der europäischen Ritter und der Ehre der
Revolverhelden der Wilden Westen auf.
Geschichte
Früher Vorgänger

Wuxiageschichten haben ihre Wurzeln in frühen Youxia-Geschichten um 200 bis 300 v. Chr. Einige bekannte Geschichten beinhalten Jing Ke's versuchte Ermordung des König von Qin und das Attentat auf König Liao von Wu durch Zhuan Zhu. Im Assasinen-Kapitel der Historien (Shiji) erzählt Sima Qian von einer ganzen Reihe wichtiger Assasinen aus der Zeit der Streitenden Reiche die politisch motivierte Attentate auf Aristokraten und Adlige ausgeführt haben.
Diese Attentäter wurden Cike (zustechende Gäste) genannt und wurden von ihren Auftraggebern, meist feudale Lords, mit Frauen und Reichtum belohnt. In dieser Hinsicht sind sie mit den japanischen Samurai verwandt, die einem Daimyo (Fürst) dienten. Im Kapitel
Streifender Xia des Shiji spricht Sima Qian von weiteren noch nicht ausgereiften Eigenschaften der Xiakultur.
Xiake Storys machten in der Tyng Dynastie eine große Veränderung durch und tauchten in Form von Chuanqi (legendäre Erzählungen) wieder auf. Die Geschichten aus dieser Epoche, wie Yinniang, The Kunlun Slave, Jing Shisanniang, Hongxian und Qiuran Ke gelten heute als Prototyp moderner Wuxia Geschichten. Sie erzählen von Fantasie und isolierten Protagonisten, meist Einzelgänger die tollkühne heroische Taten vollbrachten.

Die älteste dem Wuxia Genre zugeordnete Novelle ist "Die Räuber vom Liang-Schan-Moor", geschrieben von Shi Nai'an während der Ming Dynastie. Manchmal werden auch Abschnitte aus Luo Guanzhongs "Geschichte der Drei Reiche" als Vorgänger des Wuxia gesehen. Nai'an kritisiert die soziale und ökonomische Situation in der nördlichen Song Dynastie (960 bis 1126), während Guanzhong ein romantisches Bild der Han Dynastie (200 v. Chr. bis 220 n. Chr.) und der Zeit der drei Reiche (3. Jahrhundert n. Chr.) abliefert. Das Portrait der 108 Räuber vom Liang-Schan-Moor, die nach einem Code von Ehre lebten, hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Jiang Hu Kultur. Jiang Hu ist die Welt der Ausgestoßenen und Außenseiter, in der sich viele Wuxia Handlungen abspielen. Heute umfasst sie auch die Welt der Triaden. Geschichte der Drei Reiche beinhaltet klassische Nahkampfbeschreibungen, die später von vielen Wuxia Autoren entliehen wurden.
Viele Wuxiaarbeiten, die während der Ming und Qing Dynastie erschaffen wurden, gingen durch ein Verbot der Regierung und strenge Razzien verloren. Wuxia geriet in Verruf Gefühle zu wecken, die zu Rebellionen gegen die Regierung führen. Der in diesen Geschichten omnipräsente Ethos von persönlicher Freiheit und der Bereitschaft für die eigenen Rechte kriegerisch einzutreten wurde auch in stabilen und friedlichen Zeiten als aufrührerisch angesehen. Ferner sorgte die Abkehr vom Mainstream dafür, dass sich nur die Bevölkerung für Wuxia interessierte, während die Gebildeten diesem Genre keinerlei Aufmerksamkeit schenkten.
Trotz dieser Widrigkeiten erreichte Wuxia bei den einfachen Leuten enorme Popularität. Mit Romanen wie Shigong An Qiwen und Ernü Yingxiong Zhuan entstanden die ersten eindeutigen Wuxiawerke.
20. Jahrhundert
Das moderne Wuxiagenre erlangte Anfang des 20. Jahrhundert Bekanntheit. Die Anfänge des 20. Jahrhunderts und die Phase von von den 1960ern bis in die 1980er werden häufig als goldenes Zeitalter des Wuxia Genres bezeichnet.

Wuxia Fiktion wurde von der Kommunistische Partei Chinas nach ihrer Machtübernahme in der Volksrepublik China gebannt. Das Verbot wurde erst in den 1980ern mit Chinas Liberalisierung aufgehoben. Während des Verbots in China entwickelte sich Wuxia in den 1960er Jahren in chinesisch sprechenden Regionen außerhalb des Einfluss der kommunistischen Partei weiter, so zum Beispiel in Taiwan und

Hong Kong. Autoren wie Liang Yusheng und Louis Cha (aka Jin Yong) führten das neue Wuxiagenre an, das sich deutlich von seinen Vorgängern unterscheidet. Es entstanden Serien für Zeitungen und Magazine und die Themen Fantasy und Romantik wurden aus anderen Kulturen in die Geschichten übernommen.
Themen, Handlungen & Schauplätze
Realismus & Kampfkunst
Moderne Wuxiawerke sind Abenteuergeschichten im historischen China. Das Handlungsschema unterscheidet sich von Autor zu Autor aber es gibt gewisse eine Ähnlichkeiten zwischen Wuxia Protagonisten und Charakteren aus modernen westlichen Fantasygeschichten. Mystik ist kein notwendiges Element einer Wuxia Geschichte und viele Geschichten sind sehr realistisch. Werke des Autors Louis Cha sind Beispiele für realistische Wuxiawerke. Ein Element ist jedoch nicht aus Wuxia wegzudenken: Kampfkunst! Kaum ein Charakter kommt ohne Martial Arts Kenntnisse aus.
Romantik
Romanzen sind ebenfalls ein wichtiger Element mehrere Wuxiageschichten. Der Held hat meist wunderschöne Frauen, die ihn auf seinem Abenteuern begleitet. Und es endet nicht selten wie im Märchen: Der Held und seine Angebetete heiraten und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Beispiele für diese Thematik sind Romane von Liang Yusheng.
Tragisches Heldenschicksal
Eine Typische Geschichte beginnt mit einem jungen Mann, dem eine Tragödie, wie der Verlust seiner Familie, widerfährt. Er meistert während seiner Abenteuer viele Prüfungen und Belastungsproben und lernt bei verschiedenen Meistern etwas über Kampfkunst. Am Ende ist er selbst ein starker Meister, dem kaum jemand gewachsen ist. Er nutzt seine Fähigkeiten um dem Codex von Xia zu folgen und das Unrecht und Böse in Jiang Hu zu bekämpfen.
Typische Storys
Weitere typische Elemente sind die Ablehnung des Helden als Kampfkunstschüler, heimliches Training durch Beobachten eines Meisters und seiner Schüler mit Übungen in der Nacht und schließlich die Anwendung seiner Kampffähigkeiten durch eine Konfrontation. Ein anderer Stereotyp ist der starke Held, der einem ebenso starken Widersacher hat. Dieser entwickelt sich zu einem Nemesis und das ganze läuft auf einen Showdown zwischen den beiden hinaus. Speziell in der Ära der Anti-Qing Revolutionäre war diese ein gängiges Bild.
Detektive & Science Fiction
Einige Erzählungen haben auch einzigartige Themen. So schreibt Gu Long Wuxia-Detektivgeschichten mit einem Helden, der nicht nur über eindrucksvolle kämpferische Fähigkeiten verfügt sondern auch ein Meister im Lösen von Rätseln ist und sich mit der Aufklärung von Morden und anderen Verbrechen beschäftigt. Der Autor Huang Yi baut sogar Science Fiction Elemente ein.
Der Xia Codex
Den Xia Codex kann man sich wie den Ethos von Robin Hood vorstellen. Ein Wuxiaheld behält seine Ehre indem er sich für Gerechtigkeit einsetzt und den Armen hilft. Ein typischer Xia Anhänger ist in der Kampfkunst bewandert, setzt sie aber nicht zu seinem persönlichen Vorteil ein, sondern nur für das Allgemeinwohl. Doch genau wie der gesetzlose Robin Hood muss sich ein Wuxiaheld nicht an die weltlichen Gesetze halten, wenn sie nicht mit seinen Xiaprinzipien übereinstimmen.
Yi & Xin
Xia besteht aus zwei Hauptkomponenten.
Yi (Rechtschaffenheit) und
Xin (Ehre). Ferner legt der Code viel Wert darauf, sich für Gefälligkeiten zu revanchieren aber auch auf unbarmherzige Rache, wenn ein Bösewicht Unrecht getan hat. Dieser Rachegedanke ist jedoch umstritten, da Wuxia sich manchmal an den buddhistischen Idealen von Vergebung und dem Verbot des Tötens orientieren.
Loyalität
Im Jianghu wird viel Wert auf die Loyalität eines Schülers gegenüber seines Meisters oder Shifu gelegt. Daraus entstanden eine Reihe komplexer Meister-Lehrlings-Beziehungen, sowie Sekten wie Shoalin und Wudang. Haben zwei Kämpfer einen Disput, so ist ein Duell der einzige ehrenhafte Weg diesen zu beenden. Dies ist mit den Schwertduellen der Ritter im mittelalterlichen Europa zu vergleichen.
Kräfte & Fähigkeiten
Die Martial Artis Szenen in Wuxia basieren auf echten Techniken aus Wushu und anderen asiatischen Kampfsportarten wie Karate oder Kung Fu. Allerdings wird die Ausführung vieler Techniken stark übertrieben und auf ein fiktives, übermenschliches Niveau gehoben. So ist es mit einfachen Schlägen und Tritten möglich verheerende Schäden anzurichten. Einige Charaktere sind sogar in der Lage Energiestrahlen auf ihre Feinde zu schießen um sie umzuwerfen oder zu lähmen. Diese Energiestrahlen können auch von Explosionen begleitet werden
Es folgt eine Liste von Talenten und Fähigkeiten, die ein typischer Wuxia Kämpfer beherrschen kann.
- Kampfkunst - Kampftechniken, die auf realen Kampfsportarten beruhen. Häufig in bestimmten, eintrainierten Reihenfolgen (Zhaoshi) ausgeführt.
- Waffen und Objekte - Kämpfer greifen auf ein weit gefächertes Arsenal von Waffen zurück. Am verbreitetsten sind Säbel, Schwert, Stab und Speer. Aber auch alltägliche Gegenstände wie Fächer, Pinsel, Rohre, Nadeln, Stühle und Musikinstrumente werden von den Charakteren eingesetzt.
- Qinggong - Die Fähigkeit der Leichtigkeit. Krieger bewegen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit sanft und mühelos. Sie können über das Wasser gleiten und hohe Wände und Bäume hochrennen. Qing Gong basiert auf realen Martial Arts Disziplinen. So beschweren einige Baguazhang-Meister während des Trainings ihre Gewichte mit Beinen. Die Effektivität wird in Wuxia jedoch extrem übertrieben und viele Charaktere umgehen die Schwerkraft und können förmlich fliegen.
- Neijin - auch Neili. Die Fähigkeit mystische "innere Energie" (Qi) zu sammeln und zu konzenteiren. Das Qi kann zru Verstärkung vom Schlägen, Tritten und Blocks genutzt werden aber auch um Wunden zu heilen, den Körper von einer Vergiftung zu reinigen oder extreme Ausdauer zu erlangen. Natürlich ist Qi auch eine Notwendige Vorraussetzung um Qinggong oder Dianxue anwenden zu können. Je mehr Neili ein Krieger hat, desto besser kann er die oben genannten Fähigkeiten einsetzen. Neili wird über langjähriges Training mit Atmung und Übungen aufgebaut. Aber auch durch den (manchmal versehentlichen) Konsum bestimmter Kräuter, Früchte oder anderer Substanzen. Manchmal kann es auch direkt von einem Meister auf seinen Schüler übertragen werden.
- Dianxue - Kämpfer nutzen die Akupunkturpunkte ihrer Gegner aus um sie (teilweise für mehrere Stunden) zu Lähmen. Auch diese Techniken existieren in der Realität aber natürlich nicht mit dem Nutzen, der ihnen in Wuxia zugesprochen wird.
Diese Fähigkeiten erlangt ein Held indem er sie fleißig studiert und übt. Häufig muss er dafür eine geheime Anleitung (Miji) lesen. Manchmal werden die Fähigkeiten auch in der langjährigen Isolation von einem Meister gelehrt.
Jianghu
Jianghu (oder Jiang Hu) bedeutet "Flüsse und Seen" und ist ein Oberbegriff für die Welt des Kampfkunst.
Das Jiang Hu ist eine alternative Realität. Sie besteht aus Kampfkünsten und Kriegern, die in verschiedenen Sekten, Clans, Disziplinen und Kampfschulen organisiert sind. Des weiteren wird die Welt von Youxia (wandernden Helden), Aristokraten, Dieben, Bettlern, Priestern, Heilern, Händlern und Handwerkern bevölkert. Ein guter Wuxiaautor ist in der Lage ein lebendiges Bild der allgegenwärtigen Themen Ehre, Loyalität und Hass zwischen den Individuen und Gemeinden in Jiang Hu zu zeichnen.
Ein wichtiger Aspekt des Jianghu ist die Annahme, dass die staatliche Rechtssprechung nicht funktioniert. Konflikte können nur durch Gewalt gelöst werden, was den Bedarf für den Codex von Xia begründet. Für Recht und Ordnung sorgen verschiedene orthodoxe und rechtschaffene Sekten und Helden. Manchmal sammeln sich die Rechtschaffenen auch um eine Allianz gegen alles Böse in Jian Hu zu formen.
Ein Anführer, genannt
Wulin Mengzhu, wird gewählt um die Allianz in ihrem Feldzug für Gerechtigkeit anzuführen. Dieser Anführer muss neben einer großen Reputation für rechtschaffene Taten auch ein hoher Meister der Kampfkunst sein. Ein typisches Vorkommnis ist, dass der Held einer Geschichte durch Zufall Wulin Mengzhu wird.
Der Begriff Jiang Hu ist nicht auf die Martial Arts Gesellschaft beschränkt sondern umfasst auch alle gesetzlosen Gruppen wie die chinesischen Triaden. Asiatische Gangs nutzen Jianghu gleichbedeutend mit unserem "kriminelle Unterwelt".
Wuxia Medien
Bücher & Autoren
Wuxia ist ein etabliertes Buchgenre in China und Ländern mit chinesisch sprechenden Bevölkerungsgruppen wie Taiwan, Singapur und Malaysia.
Bekannte Autoren von Wuxia-Romanen:
- Jin Yong (Hong Kong)
- Liang Yusheng (China)
- Gu Long (Taiwan)
- Wen Ruian (Hong Kong)
- Huang Yi (Hong Kong), u.a. Lethal Weapon
Comics
Auch wenn Wuxiageschichten es in Zeiten von DVDs und Spielekonsolen schwer haben, ihr Publikum zu erreichen, haben sie in Manhua, chinesischen Comics, eine neue Heimat gefunden, die ihnen in Hong Kong und Taiwan zu neuer Bekanntheit verholfen hat. Ähnlich wie japanische Mangas gibt es wöchentlich erscheinende Wuxia-Comichefte.
Bekannte Autoren von Wuxia-Comics:
- Ma Wing Shing (Hong Kong)
- Wong Yuk-Long (Hong Kong)
- Khoo Fuk Lung (Hong Kong)
Filme
Die ältesten Wuxia Filme stammen aus den 1920ern. Die Filme von King Hu und Shaw Studio boten komplizierte Aktionchorgeographie mit Hilfe von unsichtbaren seilen, Trampolinen und schnellen Kameratricks. Die Storys wurden meist lose aus der Literatur übernommen.
Zwei der größten Star dieser Zeit waren Cheng Pei-Pei und Jimmy Wang-Yu. Auch der asiatische Star Connie Chan ist mit Wuxiafilmen berühmt geworden. Eine aktuelle Ikone des Genres ist Jet Li, bekannt aus The One oder Hero. Unter den Choreographen hat Yuen Woo Ping durch seine atemberaubenden Szenen in vielen Filmen große Berühmtheit erlangt.
In Hollywood hat sich Wuxia seit dem Jahr 2000 mit Ang Lees Tiger and Dragon breit gemacht. 2003 gefolgt von Zhang Yimous Hero und 2004 von House of Flying Daggers; zwei Filme die ebenfalls auf den internationalen Markt abzielten.
Erklärungen zu Epochen, Personen, Orten und Lehren, auf die im Artikel Bezug genommen wurde, gibt es im
Wuxia Glossar.